Offener Brief – erschienen im Dreisamtäler

In der heutigen Ausgabe des Dreisamtälers wurde eine Offener Brief als Reaktion von Dr. Krimmel auf den veröffentlichten Leserbrief aus der vorherigen Woche.

“Ja” aber in Kombination mit mehr Tests!

Das Virus ist da und es wird uns noch lange begleiten. Das Problem ist, dass es neuartig ist, die Infizierung ohne Begrenzungsmaßnahmen exponentiell verläuft , in der Bevölkerung keine Grundimmunisierung besteht und In zierte, ohne Symptome zu haben, ansteckend sind. Hinzu kommt, dass es schwerste Krankheitsverläufe hervorrufen kann. Wegen der hohen Ansteckungsgeschwindigkeit waren Länder wie Italien, Spanien und Frankreich schlagartig mit sehr hohen Fallzahlen und mit entsprechend vielen Todesfällen konfrontiert. Ihre Gesundheitssysteme wurden überrollt und waren komplett überlastet. Dass bei uns in Deutschland die Katastrophe nicht in diesem Maße ausbrach, hatte damit zu tun, dass wir von den Erfahrungen und Erkenntnissen unserer Nachbarländer lernen und einen Tick früher reagieren konnten: mit dem Shutdown. Kitas, Schulen, Geschäfte, Betriebe, Hotels, Restaurants mussten schließen, wochenlang.

Dieser Shutdown war richtig und notwendig. Er hat jedoch das Infektionsgeschehen nur verlangsamt. Jede Öffnung, jede Lockerung kann zu einer zweiten Welle führen, die heftiger ausfallen könnte als die erste. Klar ist jedoch auch, dass wir nicht im Shutdown bleiben können, bis ein Impfstoff oder wirksame Medikamente entwickelt sind. Gesundheitsminister Jens Spahn geht davon aus, dass das noch zwei Jahre dauern kann. Deshalb müssen alle Möglichkeiten genutzt werden, die Infektionsketten schnell zu erkennen und zu unterbrechen. Das war zwar von Anfang an das erklärte Ziel. Doch die Gesundheitsämter waren – wie der Presse mehrfach zu entnehmen war – überfordert, weil personell nicht ausreichend ausgestattet. Wenn also Manpower nicht ausreicht, warum dann nicht auf technologische Möglichkeiten wie die einer App zurückgreifen? Wir sind ein Hochtechnologieland, da muss die Entwicklung einer App, die auch dem Datenschutz Rechnung trägt, möglich sein. Ich gehe davon aus, dass das mit der Entscheidung für eine dezentrale Datenspeicherung und mit den von der Bundesregierung nun beauftragten Firmen Telekom und SAP und den beratenden Institutionen Fraunhofer- und Helmholtz-Institut möglich sein wird. Unsere Gesellschaft ist inzwischen derart smartphone-a n, dass ich es für wahrscheinlich halte, dass die anvisierten 60 % Smartphone-Nutzer die App auch herunterladen. Natürlich gehört dann auch dazu, dass die Nutzer ihr Smartphone immer mit dabei haben und bei der Warnung, dass sie Kontakt zu einer in zierten Person hatten, sich in Quarantäne begeben und zeitnah getestet werden. Das ist staatliche Bringschuld.

Die App ist ein Baustein, um die Infektionswelle einzudämmen. Der zweite Baustein: testen, testen, testen, gehört dazu! Im Moment agieren wir jedoch im Blindflug. Wenn wir nun wieder Bereiche öffnen und vermehrt Kontakte stattfinden, wird das unweigerlich zu mehr Infektionen führen. Da dies alles zeitverzögert geschieht, könnten die Zahlen schnell wieder sprunghaft steigen. Das was die Fußball-Proficlubs machen, ist deshalb sinnvoll und logisch: nämlich konsequent zu testen, bevor die Spieler aufs Feld geschickt werden. Das wäre auch sinnvoll für medizinische Einrichtungen, für Schulen – überall dort, wo viele Kontakte stattfinden! Als weitere Bausteine werden uns auch die neuen Abstandsregeln, das Tragen von Mundschutz und gründliche Hygieneregeln noch lange, lange Zeit begleiten. Es wird das neue „Normal“ werden. Klar ist jedoch: das alles sind nur Bausteine, mit dem Ziel das Virus einzuhegen. Ich gehe von Rückschlägen aus und es wird immer wieder auch zu Shutdowns kommen, allerdings regional begrenzt! Das ist gesellschaftlich und wirtschaftlich jedoch besser zu verkraften als ein nationaler Shutdown. In Südkorea gelang es im Übrigen, die Pandemie mit der App und massenhaften Tests in den Griff zu bekommen. Auch dort gab es im Februar einen kurzen, harten Shutdown. Inzwischen läuft das wirtschaftliche und soziale Leben wieder nahezu normal und die Infektionswelle hat sich enorm abgeschwächt. Seit April verzeichnen sie dort nur noch täglich Neuinfizierte im einstelligen Bereich. Die Gesamtzahl der Infizierten liegt bei 10.780 bestätigten COVID-Fällen, Corona Todesfälle gab es 250. Erstaunlich für ein kleines Land, das mit seinen 51,9 Millionen Einwohnern wesentlich dichter besiedelt ist als Deutschland. Doch Südkorea hat aus den SARS- und MERS-Epidemien gelernt und konnte extrem schnell auf die neue Corona-Pandemie reagieren. Wenn wir Lockerungen der Beschränkungen wollen und ein absehbares Ende des weitgehenden Shutdowns, dann brauchen wir die App.

Dagmar Engesser – https://www.dreisamtaeler.de/download/200506.pdf

“Nein“ – was soll denn das jetzt bitte?

„Sind die verhängten Maßnahmen noch verhältnismäßig“, diese Frage hört man immer wieder und immer öfter. Man kann den politischen Entscheidern natürlich eine risikobehaftete Unkenntnis unterstellen, keiner konnte so recht wissen, was das Virus mit uns macht. Tatsache (!) ist aber, dass man sich das eine oder andere hätte sparen können und das auch vorher vermuten konnte. Entgegen aller Unkenrufe ist die Zahl der Infi zierten lange nicht so stark gestiegen wie prophezeit, während die Zahl der Genesenen geradezu sprunghaft in die Höhe schnellt. Auch der Reproduktionswert, am Beginn der Publikation noch bei über 3, liegt seit drei Wochen unter1. Was bedeutet, dass ein Infi zierter weniger als eine weitere Person ansteckt. Das Virus ist also bereits auf dem Rückzug. Geduldig haben die meisten Menschen trotzdem alles ertragen, was von politischer Seite angeordnet wurde. Bis jetzt. Die Proteste werden lauter, das Volk erhebt sich. Mehr und mehr wird klar, dass die Maßnahmen sogar gegen das Grundgesetz verstoßen und die Würde der Menschen tangieren. Demokratische Prozesse, die in Jahren und Jahrzehnten erarbeitet wurden und das Leben in unserer Gesellschaft lebenswert machen, wurden ad absurdum geführt. Die Einführung der Maskenpfl icht – zu einem Zeitpunkt, als vieles sichtlich ins Leere gelaufen war – mobilisierte selbst ehemalige Spahn-Fans, ihre Meinung zu überdenken. Und nun soll diese App kommen? Zur Info für die weniger Technik-Begeisterten: Mit dieser App – so sie breitfl ächig verbreitet wird – werden Infi zierte erkannt, die sich über eine gewisse Zeit (wenige Sekunden reichen) in unmittelbarer Nähe von einem selbst befi nden. Haben beide die App auf dem Smartphone installiert und der Infi zierte seine App über seine Infektion informiert, bekommt der andere, der sich in dessen Nähe aufgehalten hat, eine Message. Das ist technisch sicher anspruchsvoll – nicht umsonst haben gleich mehrere Entwickler viel Energie in dieses Projekt gesteckt. Aber aus welchem Grund? Was mache ich, wenn mir meine App sagt, ich war letztens mal kurz in der Nähe eines Infi zierten? Muss ich dann sterben? Um es kurz zu machen: ICH WILL ES NICHT WISSEN !!! Die Chance, dass man – gerade nachdem die Menschen wieder ungebremst einkaufen dürfen – einem Infi zierten begegnet, sind hoch. Ähnlich hoch wie die Chance, nach einer Infektion fast oder ganz symptomfrei zu sein. Also, ihr Entwickler, steckt eure Energie in was anderes. Aber nicht in diese App. Die braucht kein Mensch. Hanspeter Schweizer

Hanspeter Schweizer – https://www.dreisamtaeler.de/download/200506.pdf

Informationen zum Coronavirus

Informationen zum Coronavirus, Informationen zur Heimquarantäne und zum Infektionsschutz können Sie hier abrufen: